Gutachterkreis

Die Vorsitzenden des VIP und VIP+ Gutachterkreises, Frau Prof. Dr. Friederike Welter, Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn und Lehrstuhlinhaberin an der Universität Siegen sowie Herr Prof. Dr. Siegfried Neumann, Honorarprofessor an der Technischen Universität Darmstadt im Interview.

(Äußerungen der Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Das BMBF macht sich Äußerungen der Gesprächspartner nicht zu eigen.)

Die Validierungsförderung ist mit dem Anspruch angetreten, die Lücke zwischen Forschung und Anwendung - das sogenannte „Tal des Todes“ - zu überbrücken.  Kann die Validierungsförderung VIP+ und ihre Vorläufermaßnahme VIP diese Brückenfunktion erfüllen?

Prof. Dr. Friederike Welter
Prof. Dr. Friederike Welter©Prof. Dr. Friederike Welter

Friederike Welter: Ganz gewiss, denn an den deutschen Hochschulen gibt es nachweislich ein hohes Innovationspotenzial. Allerdings bleiben viele Forschungsergebnisse laut einer Untersuchung des IfM Bonn ungenutzt: Von den rund 7.300 befragten Wissenschaftlern verschiedener Hierarchiestufen und Fachrichtungen gaben nur 15,6 % der Männer und 5,8 % der Frauen an, ihre Erfindungen kommerziell zu schützen. Und lediglich 5,4 % der Wissenschaftler und 2,4 % der Wissenschaftlerinnen streben eine Kommerzialisierung an. VIP und VIP+ schließen da eine echte Lücke.

Prof. Dr. Siegfried Neumann
Prof. Dr. Siegfried Neumann©Prof. Dr. Siegfried Neumann

Siegfried Neumann:  Da kann ich nur zustimmen. Zumindest in der ersten Phase der Transition von Wissen zur Verwertung. Um im Bild  zur Brückenfunktion zu bleiben: Ich sehe diese beiden  Programme  des BMBF als  Pfeiler für  die  erste Baustrecke zu dieser Brücke. Die geplante Straße hat die drei Fahrstreifen  „Ausgründung“, „Lizenzierung an potente Realisierungspartner“ oder „Verwertung zu Forschungs- und Entwicklungsprojekten mit strategischen Investoren “.

Forschung und Lehre werden zweifellos als Kernaufgaben der Hochschulen gesehen. Können Fördermaßnahmen wie die Validierungsförderung dazu beitragen, dass auch der Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung verstärkt als akademische Kernaufgabe wahrgenommen wird?

Friederike Welter: Davon bin ich überzeugt. Mit Hilfe solcher Fördermaßnahmen erkennen oftmals die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erst das Innovationspotenzial ihrer Forschungsergebnisse. Und wer den Innovationswert seiner Forschung erkannt hat, dem fällt es auch leichter, konkrete innovative Produkte, Prozesse und Dienstleistungen zu entwickeln.

Siegfried Neumann: Die Fördermaßnahmen VIP und VIP+  sind sehr attraktive Angebote für eine 100%ige Projektförderung an Hochschulen und für Arbeitsgruppen an außeruniversitären Forschungseinrichtungen mit dem Ziel, die Schatzkammern ihrer wissenschaftlich-technischen Entdeckungen nach Potenzialen  für die wirtschaftliche Verwertung und für ihren gesellschaftlichen Nutzen zu durchmustern. Mittel zur Validierung  geeigneter Konzepte sind den Instituten willkommene Ergänzungen zu den häufig knappen Ressourcen aus ihrer Grundausstattung. Geförderte Projekte können schließlich der Startpunkt zur Akquisition von Förderung für die Existenzgründung eines jungen Unternehmens sein oder attraktiv für daran anschließende Partnerschaften mit strategischen Investoren werden.

Welche Bedeutung haben Transfereinrichtungen in der Validierungsförderung? Welche Rolle sollten sie spielen?

Siegfried Neumann: Die Technologietransfereinrichtungen der Hochschulen haben in Deutschland noch keine lange Tradition. Sie entstanden vorwiegend nach dem Wegfall des gesetzlich etablierten Hochschullehrerprivilegs  2002.  Prinzipiell sollen die Antragstellenden bei VIP+ die Mitwirkung dieser  Einrichtungen für die Vorhabenplanung und -betreuung bei der Verwertung berücksichtigen. Zu ihrer Professionalität und zum Grad einer nachhaltigen Mitwirkung in der Verwertung der Vorhabenergebnisse hört man von den Projektleitern der Vorhaben sehr unterschiedliche Bewertungen. Verallgemeinerungen sollten aber aus meiner Sicht jetzt nicht erfolgen.

Friederike Welter: Das Angebot der Forschungstransferstellen beschränkt sich bislang auf den gewerblichen Schutz von technologischen Erfindungen und deren Verwertung. Unserer Ansicht nach sollte der Service auch für nichttechnologische Innovationen geöffnet werden.

Welche Erfolgsfaktoren konnten Sie für eine erfolgreiche Verwertung aus der Validierungsphase heraus identifizieren?

Friederike Welter: Wir haben festgestellt, dass viele Innovationen Schnittpunkte zu anderen Forschungsgebieten und wissenschaftlichen Disziplinen aufweisen. Es empfiehlt sich daher immer zu prüfen, ob man nicht gemeinsam mit anderen Disziplinen den Validierungsantrag stellen sollte.

Siegfried Neumann: Wichtig ist zum einen die unbürokratische Unterstützung des Vorhabens durch die Universität oder die Forschungseinrichtung mit Blick auf die nötigen  personellen, räumlichen und instrumentellen Ressourcen. Ebenso wichtig sind gründerfreundliche Konditionen zur Nutzung der angemeldeten oder schon erteilten Patente der Einrichtung, die im Falle einer Gründung Grundlagen für die geschäftliche Tätigkeit und den Vorsprung gegenüber dem allgegenwärtigen und aktiven wirtschaftlichen Wettbewerb werden sollen. Auch die Mentoren leisten einen essentiellen Beitrag zum Erfolg. Als Kenner der Verwertungsszenen, der Anwenderbedarfe und des technisch-wissenschaftlichen Wettbewerbes bieten sie Lotsendienste in risikoreichen Gewässern, die junge Akademikerinnen und Akademiker ja noch nicht befahren haben.

Mit VIP+ werden auch die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften sowie soziale Innovationen adressiert. Ist Validierung in diesen Bereichen anders als bei technologischen Innovationen und naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen?

Siegfried Neumann: Ja, dem stimme ich zu. Eine aussagefähige Informationsgrundlage für Bewerbungen von Arbeitsgruppen  aus den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften ist die  „Ergänzende Handreichung für VIP+ Antragstellende aus dem Bereich der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften (GSK)“ vom September 2016 aus der Web-Seite zu VIP+. Sie kann Interessierten Anregungen geben. Sie sollte wie auch die Mundwerbung im GSK-Bereich den Bekanntheitsgrad des Förderprogrammes VIP+ steigern können.

Friederike Welter: Grundsätzlich muss bei allen Validierungsvorhaben ein tragfähiges Alleinstellungsmerkmal der angestrebten Innovation nachgewiesen werden. Bei den Ingenieurwissenschaften bietet es sich an, die Vorteile gegenüber bestehenden oder konkurrierenden Lösungen aufzuzeigen. In den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften können hierfür bestehende gesellschaftliche Praktiken herangezogen werden.

Kürzlich fand in Berlin die VIP/VIP+ Innovationstagung 2017 statt, auf der erstmals der Validierungspreis an drei besonders erfolgreich abgeschlossene VIP-Vorhaben verliehen wurde. Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe, warum genau diese Vorhaben ausgewählt wurden?

Friederike Welter: Zum einen hat uns natürlich der innovative Ansatz und deren Umsetzung überzeugt, zum anderen aber auch die Verwertungsstrategie. Bei allen VIP-Vorhaben profitierte sowohl die Wissenschaft als auch die Gesellschaft. Das ist für mich auch das Besondere an VIP und VIP+.

Siegfried Neumann: Unter den Teilnehmern am Wettbewerb für den Validierungspreis 2017 konnten viele Vorhaben zum Ende der Validierungsphase  einen überzeugenden Leistungsstand erreichen. Die Auswahl der drei Ersten fiel uns Gutachterinnen und Gutachtern deshalb nicht leicht. Die dann ausgewählten Vorhaben qualifizierten sich  letztendlich durch ihre Erfolge zur praxisnahen Umsetzung des Konzeptes, mit ersten Schritten für die Umsetzung ihres wirtschaftlichen Potenzials.

VIP und VIP +verstehen sich als „lernende Maßnahmen“. Haben sie auch etwas gelernt als Vorsitzende des Gutachterkreises?

Friederike Welter: Zweifellos. Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie vielfältig und innovativ die Forschung an den Hochschulen in Deutschland ist. Dabei habe ich in meiner Funktion als Vorsitzende des Gutachterkreises auch Forschungsgebiete kennengelernt, mit denen ich aufgrund meines Fachgebietes sonst kaum in Berührung gekommen wäre.

Siegfried Neumann: Wir Gutachterinnen und Gutachter prüfen zunächst, wie gut die Antragstellenden die vorgegebenen Kriterien der Ausschreibung erfüllen können. Wir wählen diejenigen Vorhaben zur Förderempfehlung aus, die im Konsens des Gutachtergremiums als herausragend  anerkannt und die im Vergleich zum Stand von Wissenschaft und Technik eine Spitzenposition haben. Zum Lerneffekt: Jede einzelne Begutachtung ist für mich ein Vorgang, der zu einer - mathematisch gesprochen - ersten und zweiten Ableitung des aktuellen Wissens führt:  Ich lerne vom Antrag Neues und prüfe zugleich aber kritisch die dort postulierten Ansprüche auf Originalität und Relevanz. Maß ist für uns der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik, so wie ich ihn  kenne und noch zusätzlich recherchieren kann. Dazu gehört aber auch die finale interne Erfolgskontrolle, was denn nun aus den geförderten Vorhaben nach Abschluss entstanden ist. Diese Lernphase beginnt erst jetzt. In dieser Phase des  Lernprozesses geht es uns in Sachen Erfolgsquote vergleichsweise wie den Akteuren in der Wagniskapital-Branche:  Die Bilanz wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Ich persönlich bin von einer hohen Erfolgsrate überzeugt.

Möchten Sie zukünftigen Antragstellern bei VIP+ noch etwas mit auf den Weg geben?

Siegfried Neumann: Die VIP-Förderung ist für akademische Gruppen wegen ihres interessanten möglichen Fördervolumens, der Länge der Förderung, der Terminoffenheit und wegen ihrer Branchenoffenheit sehr attraktiv. Sie stimuliert dazu das wirtschaftliche Umsetzungspotenzial oder den gesellschaftlichen Nutzen der im akademischen Umfeld erfolgenden wissenschaftlichen Arbeiten  angemessen  und rechtzeitig zu prüfen. Für eine erfolgreiche Bewerbung um Förderung im VIP+ Programm des BMBF empfehle ich den Austausch mit dem zuständigen Projektträger wie auch mit  Antragstellern, die  sich erfolgreich um eine VIP oder VIP+-Förderung beworben haben.

Friederike Welter: Ich kann alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den Hochschulen in Deutschland nur ermutigen, ihre innovativen Forschungsergebnisse auch unternehmerisch zu verwerten. Das stärkt sowohl ihr Ansehen in der Hochschule oder Forschungseinrichtung als auch darüber hinaus. Wer eine konkrete Antragstellung beabsichtigt, dem empfehle ich, auch über den Tellerrand seines Forschungsgebietes zu sehen. Unter Umständen ergeben sich interessante Kooperationen, die das Innovationsvorhaben auf noch breitere Füße stellen können.